Was für ein chaotischer Beginn des diesjährigen Tomahawk-Festivals: Man muß erstmal eine halbe Ewigkeit vor dem Osnabrücker N8 warten, da der Einlass mal eben um fast 2 Stunden (!) nach hinten verschoben wurde. Hätte man sich morgens noch eben auf der Festivalhomepage informiert, dann hätte man den Grund erfahren: 4 der insgesamt 10 Bands haben kurzfristig abgesagt (!), und somit wurde natürlich zeitlich alles nach hinten geschoben. Okay, nun muß ich für meinen Teil gestehen, daß genau die 4 Bands abgesagt haben, die ich ohnehin nicht zwingend hätte sehen müssen (Atargatis, Varg, Sworn, Alestorm). Als Ersatz für diese ganzen Ausfälle wurden längere Spielzeiten der verbliebenen 6 Bands versprochen. So stand es zumindest auf der provisorisch mit Edding geschriebenen neuen Running Order, die im N8 hing. Soweit, so gut. Lassen wir uns also mal überraschen.
Den Beginn machen heute die lettischen Pagan-Metaller von Skyforger, die vor einem noch eher mässig gefüllten N8 gleich in den Nachmittagsstunden (es ist jetzt gerade mal 16 Uhr), schon ordentlich und vor allem ohrenbetäubend aufdrehen, und dem ohnehin eher viking-/paganlastigen Publikum eine annähernd perfekte Eröffnung des heutigen Tages bieten. Die lettischen Texten (und die Flöte) sind zwar durchaus etwas gewöhnungsbedürftig, aber die Stimmung ist teilweise jetzt schon recht ordentlich und lässt auf mehr hoffen.
Skyforger (Foto: maz)
Passend zu ihrer düsteren Musik, erwischen die Süddeutschen Lacrimas Profundere heute leider einen rabenschwarzen Tag. Die Band um den neuen Ausnahmesänger Roberto Vitacca ist zwar wirklich bemüht, aber Stimmung kommt nicht mal ansatzweise auf. Trotz wirklich guter Songs irgendwo zwischen Gothic Metal und Dark Rock, und einer perfekt eingespielten Band ist das heute definitiv der falsche Ort. Eine handvoll Leute spendet zwar ein bißchen Höflichkeitsapplaus, aber die Mehrheit der Anwesenden hat sich in Richtung Theke bzw. nach draußen verzogen, und es macht irgendwie den Eindruck, als würde man das Set nach gerade mal 38 Minuten vorzeitig abbrechen. Sehr schade.
Lacrimas Profundere (Foto: maz)
Für einen ersten Höhepunkt am heutigen Tage sorgen dann Norther. Sänger Petri Lindroos wieder mal ganz typisch 'oben ohne' und mit langem schwarzen Rock. Okay, das ist zwar kein Metal, aber die Stimmung ist das ganze Set über wirklich fantastisch. Ob bei "Death unlimited" oder der aktuellen Single "We rock" - die teilweise ein bißchen an ihre finnischen Kollegen von Children of Bodom erinnernde Band, versteht es, das Publikum durchgehend zu begeistern. Klasse.
Norther (Foto: maz)
In Sachen Stimmung noch eine Schippe drauflegen können dann Turisas. Punkten können die Finnen nicht nur mit verdammt starken Songs ("To Holmgard and beyond", "One more"), sondern auch speziell Sänger Michael Nygard, der deutlich macht, daß es natürlich 'Bullshit' ist, daß 4 Bands abgesagt haben, aber die Hauptsache sei schließlich, daß das Publikum so zahlreich erschienen ist. Sowas bringt neben Sympathiepunkten natürlich auch wahre Begeisterungsstürme, die dann im abschließenden Doppelpack "Rasputin" (mit dem ersten Crowdsurfer des heutigen Abends) und "Battle metal" annähernd überzukochen scheinen!
Turisas (Foto: maz)
Die Reihen im N8 leeren sich so langsam. Aber nicht, weil Crematory nun auf dem Programm stehen, sondern weil viele Leute heute anscheinend nur wegen Norther und Turisas gekommen waren. Sowas ist zwar immer schade, aber nunmal nicht zu ändern. Was mich ein durchaus bißchen überrascht, ist die Tatsache, daß Crematory ihrer Co-Headliner-Rolle annähernd gerecht werden. Die ausgelassene Stimmung von Turisas können die deutschen Gothic-Metaller zwar nicht erreichen, was aber nicht zuletzt natürlich auch am düsteren Grundtenor der Musik liegt. Vor allem Sänger Gerhard 'Felix' Stass kommuniziert bestens mit dem Publikum, ist stets präsent, und die Truppe hat neben vielen wirklich guten Songs - sowohl in englisch, als auch in deutsch - mit "Tears of time" einen absoluten Kracher im Gepäck. Kompliment, ich bin wirklich angenehm überrascht!
Crematory (Foto: maz)
Spätestens jetzt hat sich das Publikum auf schätzungsweise 50 Gäste reduziert, denn wer Primordial nicht mehr sehen will, geht halt. Doch genau das entpuppt sich im Nachhinein als großer Fehler, denn die Iren und allen voran natürlich Sänger Alan 'Naihmass Nemtheanga' Averill brennen heute ein wahres Feuerwerk ab. Der Band scheint es egal zu sein, ob sie vor 2000 oder vor 50 Leuten spielt. Die Energie und Faszination, die heute von der Bühne strömt, ist kaum in Worte zu fassen. Das ist zwar nicht mein erstes Primordial-Konzert, und der ganz große Fan war ich (bisher) zugegebenermaßen auch nicht, aber spätestens bei "The coffin ships" läuft es mir eiskalt den Rücken runter. Die Musik und die Ausstrahlung von Sänger Alan versprühen eine dermaßen große Intensität, die es einem absolut unmöglich macht, sich ihr zu entziehen. Und spätestens bei der Zugabe "The gathering wilderness" wirbeln nahezu sämtliche Haare der noch Anwesenden im Kreis. Ganz großes Kino und ein mehr als würdiger Abschluß des heutigen Abends!
Setlist - Crematory
Remember Fly Tick tack Greed Pray Höllenbrand Tears of time Revolution Left the ground Kein Liebeslied The fallen When darkness falls Perils of the wind
Setlist - Primordial
Empire falls Gallows hymn Sons of the morrigan As rome burns The coffin ships No nation on this earth Heathen tribes Gods to the godless
The gathering wilderness
Fazit: Vom Musikalischen her war der Abend durchaus ein Erfolg. Zumindest ich für meinen Teil bin vollends zufrieden, auch wenn die musikalische Zusammenstellung teilweise etwas "unglücklich" war. Doch ganz ohne Kritik geht es leider nicht: Die Besucher fast 2 Stunden vor der Tür warten zu lassen, gehört sich einfach nicht! Die versprochenen längeren Spielzeiten, weil 4 Bands kurzfristig abgesagt haben, wurden nur im Falle von Crematory und Primordial eingehalten, die jeweils 70 statt 60 Minuten gespielt haben. Skyforger, Lacrimas Profundere und Norther, die eigentlich 60 Minuten spielen sollten, kamen jeweils sogar nur auf knapp 40 bis 45 Minuten. Fakt ist also: 4 Bands haben abgesagt, und dafür spielen 2 Bands jeweils 10 Minuten länger. Das ist in meinen Augen - trotz des immer noch guten Preis-/Leistungsverhältnisses - schlicht und einfach zu wenig.